Begegnung mit Trauernden

Wie begegne ich Trauernden? Was ist Trauer?

1203981Im Umgang mit Trauernden gilt dasselbe wie für die eigene Trauer: Es gibt kein Patentrezept! Die Menschen und die jeweiligen Trauersituationen sind so unterschiedlich und individuell, dass niemand sagen kann „dies oder jenes musst du jetzt so oder so machen.“ Wer noch nie den Verlust eines nahe stehenden Menschen erlebt hat, wird die Gefühle von Trauernden auch nicht wirklich verstehen und mitfühlen können. Dies gilt auch für sehr gute Freunde und Lebenspartner von denen Trauernde oft mehr Mitgefühl erwarten als es überhaupt möglich ist. Trauer ist nur schwer zu beschreiben, sie gleicht einer „Achterbahn der Gefühle“. Die gesamte Palette unserer Gefühlswelt kann hier hervorbrechen: Trauer, Wut, körperlicher Schmerz, Ohnmachtsgefühle, Hilflosigkeit, Zynismus, Depressionen und Schuldgefühle können im rasenden Wechsel die Gefühlswelt von Trauernden beherrschen und ihnen den Eindruck vermitteln, sie drehten sich im Kreis ohne voran zu kommen.

In dieser Situation scheint es für Freunde und Bekannte schwer zu sein, helfen zu können. Das erklärt sicher auch das häufige Fehlverhalten im Umgang mit Trauernden. So kann es vorkommen, dass Nachbarn oder entfernt Bekannte die Straßenseite wechseln oder schnell in ihrem Hauseingang verschwinden, um die Begegnung oder die Konfrontation mit einem trauernden Menschen zu vermeiden, aus der eigenen Unsicherheit im Umgang mit Trauer und Tod heraus, sowie aus der Angst, etwas Falsches zu sagen. Niemand will dadurch einen Trauernden kränken oder verletzen – aber genau das geschieht mitunter durch dieses Verhalten. Trauernde berichten, dass sie sich in solchen Situationen wie Aussätzige fühlen, die eine ansteckende Krankheit haben.

Warum gehen wir nicht auf Trauernde zu (sofern sie uns nicht durch Blickkontakt signalisieren, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen) und teilen ihnen unsere Hilflosigkeit und unsere Ratlosigkeit in diesem Moment mit? Warum nicht einfach nur einen wortlosen Händedruck geben, oder das „Dasein“ und Zuhören anbieten? Sicherlich ist es besser zuzugeben, dass man nicht weiß, was man sagen soll und wie man helfen kann, als den Trauernden mit gut gemeinten Ratschlägen zu bombardieren wie „Du musst nicht weinen“ oder „alles wird wieder gut“ oder „es war doch so am besten für ihn“.

Es ist notwendig zu trauern und es wird auch nicht alles wieder so wie es war, denn der Tod hat für das Weiterleben der Angehörigen eine Endgültigkeit, die nicht so schnell zu begreifen ist. Wenn es für einen schwer kranken und leidenden Menschen vielleicht auch das „Beste“ war, zu sterben, so muss dies für die Angehörigen noch lange nicht das „Beste“ sein. Für sie ist nun der Verlust und der damit verbundene Schmerz das alltagsbestimmende Gefühl. Also sollten wir den Trauernden das Recht auf Trauer und die damit verbundenen Gefühlsausbrüche zugestehen. Trauer ist keine Krankheit, aber ein ungesunder Umgang mit Trauer, der nicht auf Verarbeitung, sondern auf Verdrängung ausgerichtet ist, kann krank machen.

Ebenso wie ein Trauernder seiner Trauer nicht ausweichen sollte, sollten wir also auch diesen Menschen nicht ausweichen und so viel Verständnis wie möglich, auch für extreme Reaktionen in der Extremsituation, aufbringen. Man sollte allerdings stets darauf achten, dass man nicht aufdringlich oder sensationslüstern (nach dem Motto „wie ist es denn genau passiert“) wird. Der Trauernde muss immer selbst entscheiden können, wann er sich wem und wieweit öffnet und wann er seine Ruhe braucht. Also nicht immer sofort zum Telefon greifen oder an der Tür klingeln, sobald man von einem Trauerfall erfahren hat. Es kann schon sehr belastend und entnervend für einen Menschen sein, wenn er unmittelbar nach dem Tod z. B. des Lebenspartners immer wieder erzählen muss, wie es denn nun dazu gekommen ist.

Wenn man nicht zum engsten Familien- oder Freundeskreis gehört (und manchmal selbst dann nicht) ist es weitaus hilfreicher, einen lieben Brief oder eine Karte zu schreiben, in dem man seine Betroffenheit bekundet und seine Hilfe anbietet. Sicher ist es schwerer einen Brief zu schreiben, als mal eben anzurufen. Man muss ja nicht immer den unbeschwertesten Weg gehen. Ebenso unbrauchbar sind die häufigen Versuche, einem Trauernden mit aller Gewalt „Ablenkung“ zu verschaffen – „ihn da mal rauszuholen“ und mit zum Kegeln oder zur Party zu schleifen, wo er nun völlig alleine lauter fröhliche Paare erleben kann.

Sicherlich ist es enorm wichtig, dass die trauernde Person wieder den Weg ins Leben findet, aber den Zeitpunkt hierfür muss sie selbst herausfinden. Man sollte sich immer anbieten und Vorschläge machen, aber es muss im Ermessen des Trauernden liegen, wann er zu welchem Schritt bereit ist.